Verschiedene Gesellschaftsschichten

Du betrachtest gerade Verschiedene Gesellschaftsschichten

Die Fahrt aus San Christóbal heraus war sehr einfach. Wir waren uns damals noch nicht bewusst wie ruhig und angenehm der Verkehr und wie breit die Strassen in Mexiko sind. Hätten wir das gewusst, hätten wir die Fahrt noch etwas bewusster genossen. Es ging den ganzen Tag durch die Wälder von Chiapas und nach 90 Kilometern erreichten wir Comitán de Dominguez, die letzte grössere Stadt in Mexiko vor der Grenze nach Guatemala. Im Zentrum bemerkten wir, dank der viele Dekorationen, dass heute Valentinstag ist. Scheinbar wird das hier ausgiebig zelebriert. Vom Zentrum fuhren wir nochmals ein paar Kilometer zu Mauricio und Karen, die wir über die mexikanische WhatsApp Gruppe für Veloreisende kennengelernt haben. Mauricio ist eigentlich Motorradfahrer, beherbergt aber hauptsächlich Veloreisende, weil sein Haus eine gute Tagesetappe von San Cristóbal entfernt ist. Die meisten Reisenden mit dem Motorrad machen natürlich längere Etappen und halten gar nicht in Comitán. Mauricio und Karen leben in eher bescheiden Verhältnissen und umso mehr schätzen wir es, dass sie uns sogar ein Zimmer mit Bett zur Verfügung stellen. Kaum sind wir angekommen, erklären sie uns, dass wir mit einigen Verwandten noch einen Ausflug zum Abendessen machen. Wir werden von einem kleinen Chicken Bus, die hier hauptsächlich als öffentliches Verkehrsmittel genutzt werden, abgeholt und fahren eine Stunde ins Land hinaus in ein kleines Dörfchen zu anderen Verwandten. Dort warten wir erst mal bis sie zuhause sind bevor das gemeinsame Kochen beginnt. Es wird frischer Fisch über dem Feuer frittiert und dazu gibt es natürlich Tortillas und eine Tomaten-Salsa. Da meine Verdauung noch nicht ganz auf dem Normalzustand ist, muss ich mich etwas zurückhalten und staune, wie Tamara mehr Fisch isst als ich. Es ist ein sehr geselliger Abend und wir sind sehr dankbar, an diesem Familienfest teilhaben zu dürfen.

Bei Mauricio und Karen
Frisch frittierter Fisch
Beweisbild: Tamara isst Fisch!

Nach einem guten Frühstück mit Kaffee bei Mauricio und Karen brechen wir wieder auf. Der heutige Tag ist geprägt von einer langen und schönen Abfahrt aus den Bergen ins Flachland von Chiapas. Auf Input von Leti, die einen Tag vor uns unterwegs ist, entscheiden wir uns spontan für einen Abstecher zu den Lagos de Colon. Wir haben uns lange überlegt, ob wir nicht noch die berühmteren Lagunas de Montebello besuchen sollten, aber der Abstecher war uns etwas zu weit. Am Ziel angekommen sind wir sehr zufrieden mit der Wahl für die weniger touristischen Lagos de Colon. Da Sonntag ist, hat es auch hier viele Familien die in den verschiedene Seen am Baden sind aber da es hauptsächlich Mexikaner sind, fühlt es sich sehr authentisch an. Wir essen den besten Burrito bisher in Mexiko zusammen mit einem erfrischenden Krug Wassermelonensaft. Praktisch alleine besichtigen wir noch die kleine Ausgrabungstätte mit den Pyramiden bevor wir einen kleinen Camping, etwas abseits des Trubel aufsuchen und unser Zelt mit Blick auf einen Wasserfall aufstellen. Endlich folgt das erfrischende Bad im aufgestauten Fluss auch direkt vor unserem Zelt. Ein wirklich würdiger Platz für unsere letzte Nacht in Mexiko.

Abfahrt!
Lagos de Colon
Eine kleine aber feine Ausgrabungsstätte
Ein würdiger letzter Campingplatz in Mexiko
Wo ist Simon?

An unserem letzten Tag in Mexiko geniessen wir zuerst mal die letzten flachen Kilometer bevor es nach Guatemala geht. Von der Grenze bis zum Lago de Atitlán sind nämlich auf etwas mehr als 200 Kilometern fast 5000 Höhenmeter zu bewältigen. Während wir uns mental auf die Grenze vorbereiten, ruft plötzlich jemand vom Strassenrand: „Tamara y Simon!“ Wir sind ganz erstaunt, aber Mario erklärt uns sofort, dass seine Frau Monica am Tag zuvor Leti auf ein Sandwich und Getränk eingeladen hat und ihn gebeten hat nach uns Ausschau zu halten und uns ebenfalls einzuladen. So bekommen wir also eine spontane Stärkung und ein letztes Agua de Jamaica (Hibiskus-Eistee) bevor es endgültig zur Grenze geht. Mario erinnert uns nochmals daran, dass wir ein paar Kilometer vor der Grenze den Zoll der Mexikaner für den Ausreisestempel nicht verpassen dürfen und wir unterhalten uns noch kurz über die Sicherheitslage an der Grenze. La Mesilla war lange eine der sichersten Grenzübergänge, bis es letzten Sommer zu einem Zwischenfall mit Schiesserei gekommen ist. Nun sei aber schon länger wieder alles beim Alten, aber es dauert manchmal ein bisschen, bis im allgemeinen Konsens die Grenze wieder als sicher bezeichnet wird. Nach dem wir uns den Ausreisestempel geholt haben und die letzten, leider nicht so guten, Tacos gegessen haben, ging es hoch zur eigentlichen Grenze. Diese war ganz anders als wir uns das vorgestellt haben. Die Strasse war eigentlich ein etwa zwei Kilometer langer Markt an dem man alles kaufen konnte. Irgendwo in der Mitte des Trubels waren ein paar Schilder, die die Grenze kennzeichnen. Ganz unscheinbar kam danach der Zoll von Guatemala wo wir, ohne irgendeine Frage beantworten zu müssen, den Einreisestempel mit 90 Tagen Aufenthaltsbewilligung für die Zollunion von Guatemala, El Salvador, Honduras und Nicaragua bekamen. Sofort haben uns auch die Geldwechsler gesichtet und wir konnten unsere übriggebliebenen Pesos zu einem ganz anständigen Kurs in Quezales eintauschen. Im Markt bekamen wir auch sehr unkompliziert eine SIM-Karte für Guatemala und konnten so einiges im Vergleich zu den typischen Travel-eSIM‘s sparen. Nun waren es nur noch ein paar Minuten Fahrt bis zu unserem Warmshower Host Jaime. Er führt ein Hotel kurz nach der Grenze und so durften wir gratis in einem schönen Hotelzimmer übernachten und wurden sogar noch zum Abendessen eingeladen. Es war sehr spannend mit Jaime über seine Radreisen zu reden. Er hat schon alle Länder von Guatemala bis Peru bereist und wir konnten ihn den ganzen Abend lang mit Fragen löchern. In etwa einem halben Jahr plant Jaime von Peru aus weiterzufahren. Wir hoffen sehr, dass wir ihn unterwegs wieder treffen. 

Am Morgen wars dann ruhig am See
Ready to go!
Mario, eine letzte nette Begegnung in Mexiko
Das ist die Grenze zu Guatemala
Auf in ein neues Land

Nachdem wir uns am Morgen von Jaime verabschiedet haben und losfuhren, merkten wir sofort den schon angesprochenen Unterschied zu Mexiko. Der Verkehr ist viel dichter und aggressiver und zu unserem Leidwesen ist auch die Strasse schmaler. Guatemala ist auch viel dichter besiedelt als Mexiko und wir fuhren den ganzen Tag nie mehr als 500 Meter ohne ein paar Häuser am Strassenrand zu sehen. Trotzdem waren die steilen Berge und die Landschaft beeindruckend und wir fuhren vorsichtig und mit dem Rückspiegel stets im Blick das Tal nach Huehuetenango hoch, wo wir einen relativ ruhigen Zeltplatz am Stadtrand fanden. Zur Belohnung gab es eine frische Mango. Noch sind wir etwas unschlüssig, ob wir am nächsten Tag weiterfahren oder den Bus nehmen sollen aber statt zu entscheiden schlafen wir erst mal darüber. 

Hasta luego, Jaime!
Die Landschaft änder sich sofort mit dem überqueren der Grenze
Für einmal ein freier Blick in die Natur
Wieder mal ein klassischer Campingplatz in Huehuetenango

Wir probieren es nochmals mit dem Velofahren und müssen zuerst die 19% steile Strasse vom Campingplatz hinaus bewältigen. In Guatemala ist es leider oft so, dass man nur die Wahl zwischen stark befahrenen Hauptverkehrsachsen oder Strassen die zum Fahren zu steil sind hat. Zurück auf der Panamericana empfinden wir den Verkehr als etwas weniger dicht als am Tag zuvor und verlassen Huehuetenango. Tatsächlich gibt es heute auch einige Abschnitte in der Natur und wir arbeiten uns langsam die ansteigende Strasse hoch. Eine weitere interessante Beobachtung ist, dass uns hier öfters mal auf Englisch nachgerufen wird. Wobei dann nach dem „Hey, how are you?“ nichts mehr kommt und wir die Unterhaltung auf Spanisch weiterführen müssten. Nach knapp 1400 Höhenmeter (Die Kilometer spielen eigentlich keine Rolle mehr) werden die Beine langsam müde und wir suchen nach einem Platz für die Nacht. Es gibt hier an der Strasse weder Hotels noch Campingplätze aber zum wildcampen ist es zu dicht besiedelt. Wir versuchen zuerst unser Glück bei einer Kirche aber es ist alles abgeschlossen und weit und breit niemand zu sehen. Ein bisschen weiter, fragt Tamara dann bei einem kleinen Laden mit einer sympathischen Frau und Kind, ob sie einen guten Platz zum übernachten kennen. Nach kurzem Zögern, dürfen wir bei ihren Häusern campen. Die Mutter schickt das Kind, um uns den Schlafplatz zu zeigen und wir stossen unsere Velos eine kleine Strasse hoch, die so steil ist, dass wir fast nicht mehr stossen können. Oben angekommen werden wir sofort von weiteren Kindern umzingelt, die alle zur gleichen Grossfamilie gehören. Wir stellen gemeinsam das Zelt auf und zeigen ihnen unsere gesamte Ausrüstung. Vom Kocher bis zum Reisepass finden sie alles sehr spannend. Ich drehe mit jedem Kind auf dem Gepäckträger eine kurze Runde und wir spielen alle zusammen Fussball. Schnell wird ersichtlich, dass die Kinder nicht viel haben. Sie sind ganz erstaunt, als wir mit dem gekauften Trinkwasser aus der PET-Flasche unsere Nudeln kochen und sie fragen uns, ob wir schon einmal Lasagne gegessen haben. Sie hatten das noch nie, da niemand in der Familie einen Backofen hat.Als es dunkel wird, kommt die Frau vom Laden nochmals vorbei und meint, dass wir am falschen Platz das Zelt aufgebaut haben und doch näher zu ihren Häusern kommen sollen damit es sicherer ist. Wir vermuten, dass sie uns einfach noch ein bisschen besser kennenlernen wollten bevor sie uns ganz zu sich nehmen. Also stopfen wir alles irgendwie in die Taschen und trugen mit Hilfe der Kinder alles noch ein paar Hundert Meter weiter zu den Holzhütten in denen sie wohnen. Nun wird uns nochmals richtig ersichtlich in welch bescheidenen Verhältnissen sie leben. Trotzdem sind sie unglaublich gastfreundlich zu uns und als die Kinder ins Bett gegangen sind, haben sie uns noch Tamales (Maisgericht) und ein warmes Getränk gebracht. Nun konnten wir auch mit den Erwachsenen noch ein paar Worte wechseln. Sie haben vor vielen Jahren auch schon mal einen Radreisenden bei sich gehabt und haben sich sehr gefreut, wie die Kinder mit uns einen schönen und spannenden Abend hatten. 

Tamara verteilt Süssigkeiten
Die Kinder passen gut in unser Zelt
Auch ein Gruppenfoto darf nicht fehlen

Als wir am Morgen aufstehen sind die Kinder bereits auf dem Weg in die Schule. Wir packen unsere Sachen und verabschieden uns. Heute geht es endlich mal auch bergab und wir erreichen schon bald Quezaltenango, die nächste grössere Stadt. Auch hier ist es mit dem Verkehr nicht ganz einfach und die Fahrt ins Zentrum ist nicht besonders angenehm. Dafür finden wir bei Ana, die uns über Warmshower hostet ein kleines ruhiges Paradies in der hektischen Stadt. Sie hat ein grosses Grundstück mit viel Garten und neben ihrem eigenen Haus, vermietet sie sechs doppelstöckige Wohnungen. Wir geniessen den Luxus  mit Balkon, einem sehr bequemen Bett, modernem Badezimmer und Küche und werden uns der grossen Schere zwischen Arm und Reich in diesem Land wieder einmal bewusst. 

Steil gehts die Strasse runter
Der erste Vulkan in der Ferne
Auch Guatemala hat schöne Wandmalereien

Nach sechs Tagen auf dem Velo gönnen wir uns hier gleich zwei Tage Pause und geniessen die Wohnung. Am ersten Tag machen wir einen Ausflug zu den Fuentes Gerorginas Hotsprings. Sie sind zwar eher lauwarm, dafür liegen sie wunderschön im Wald. Die Fahrt zu den Hotsprings war mit Uber sehr einfach und günstig aber leider hat es dort kein Mobilfunknetz mehr um ein Uber zurück zu bestellen. Zum Glück finden wir aber schnell zwei nette Brüder aus der Hauptstadt Guatemala-City, die uns in ihrem Auto bis ins Zentrum von Quezaltenango mitnehmen. Vom Zentrum selber sind wir dann eher enttäuscht. Es gibt nur um den Zentrumsplatz einige schöne Gebäude, ein Theater und eine Kathedrale aber nach einer halben Stunde haben wir alles gesehen. Dafür finden wir ein sehr schön dekoriertes Kaffee und verweilen dort. 

Die Warm-Springs im Wald
Dafür mit Aussicht
Das Theater von Quezaltenango
Und die Kathedrale
Pause im hübschen Kaffee

Man glaubt es uns fast nicht, aber am zweiten Tag machen wir getrenntes Programm. Tamara‘s Beine brauchen noch etwas mehr Pause und so mache ich mich alleine, wieder per Uber, auf den Weg zu einer Wanderung zum Aussichtspunkt auf den Vulkan Santiauguito. Die Wanderung ist sehr schön und ich treffe viele andere Gruppen, Familien und eine grosse Schulklasse an. Beim Aussichtspunkt warte ich etwas mehr als eine halbe Stunde bis der Vulkan ausbricht. Es ist ein eher kleiner Ausbruch aber für das erste Mal doch sehr beeindruckend. Eine Gruppe Mexikaner möchte mich anschliessend auf eine zweitägige Wanderung um den Vulkan mitnehmen. Ich lehne dankend ab und erkläre in meinem holprigen Spanisch, dass meine Frau mich heute noch zurück erwartet. Wie ein typischer Schweizer im Ausland beende ich die Wanderung in etwa der Hälfte der angegeben Zeit und auch die Uber-Fahrt zurück verläuft problemlos. Den Nachmittag entspannen wir dann wieder gemeinsam und geniessen die Ruhe. Ein weiteres Highlight hier sind die Schokofrüchte für umgerechnet 50 Rappen. Man stelle sich das mal an der Herbstmesse vor!

Wie in der Schweiz geht es auch hier über Kuhweiden
Warten auf den Vulkanausbruch mit guter Aussicht
Klein aber fein

Schreibe einen Kommentar zu Carmen Antwort abbrechen

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Susi

    Gemütlich zum Sonntagszmorge geniesse ich Euern interessanten Bericht. Super der Abend mit den Kindern und die vielen intessanten Begegnungen. Liebe Grüsse Omimi Susi

  2. Mami Claudia

    Welcome once again to the Neidhart-Family, Tamara🐟😋😘.

  3. Carmen

    Que Maravilla, Gracias por traerme esos bonito.s recuerdos Tamara y Simón, que bendición poder recorrer esos lugares tan Maravillosos

  4. Jasmine und Götti

    Hüt ha ich Lektüre erst am Abig gläse, sorry… aber Curling-Fraue händ Vorrang gha😅.
    Sehr spannend, wie immer und vill Spass in Guatemala 😘