Nach fast einer Woche in Mexico City, war es nicht eifach, sich wieder auf das Veloreisen einzustellen. Wir sind nun schon seit fast vier Wochen nicht mehr regelmässig gefahren und hatten etwas Respekt vor der Umstellung. Auch der Abschied von unseren Warmshowers Luis, Angie und Gaël war nicht einfach, denn wir hatten eine sehr schöne Zeit mit ihnen. Vielen Dank für die grossartige Gastfreundschaft!
Die Fahrt aus Mexico City war deutlich angenehmer als befürchtet. Das lag sicher auch daran, dass es Sonntagmorgen war und es deswegen sehr wenig Verkehr hatte. Auf den ersten Kilometern war sogar eine Strasse für Autos gesperrt und nur für Velos und Läufer reserviert. Ich erinnerte mich, mal gelesen zu haben, dass sie das am Sonntag in Mexico City so machen. Auch nach der gesperrten Strasse ging es noch lange auf einem Velosteifen aus der Stadt. Erst in den Vororten wurde die Routenwahl etwas schwieriger und wir mussten uns oft zwischen stark befahrenen Hauptstrassen und sandigen oder staubigen Schotterstrassen entscheiden. Entsprechen kamen wir nicht sehr schnell vorwärts und es war auch anstrengender als gedacht. Als wir dann die letzte grössere Ortschaft hinter uns gelassen haben, fing der Anstieg zum Paso de Cortés an. Obwohl unsere Beine schon müde waren, entschlossen wir uns die ersten paar Hundert Höhenmeter noch zu fahren und wir konnten dafür in einem hübschen Ökopark übernachten, wo sie grossflächig Weihnachtsbäume züchten. So konnten wir uns auch nochmals eine Nacht auf 2800 Meter über Meer akklimatisieren bevor am nächsten Tag der Pass richtig beginnt.



Die Passstrasse war in einem sehr guten Zustand und es hatte wenig Verkehr. Mit ein paar kleinen Pausen kamen wir zügig voran und erreichten schon zum Mittagessen die Passhöhe auf 3600 Meter über Meer. Leider waren die beiden Vulkane Popocatépetl und Iztaccíhuatl noch im Nebel. Der Anstieg war für uns aber noch nicht fertig, denn wir möchten auf fast 4000 Meter hoch, um bei der Berghütte zum Start der Besteigung des Iztaccíhuatl zu übernachten. Das Visitor Center und der Eingang in den Nationalpark waren völlig ausgestorben und die Schotterstrasse zur Berghütte mit einer Schranke abgesperrt. Zum Glück konnten wir die Velos aber ohne Probleme unter der Schranke durch schieben und machten uns auf dem Weg. Zuerst mussten wir noch ein bisschen schieben, denn die Strasse war zu sandig und wir konnten nicht fahren. Wir liessen uns aber nicht entmutigen und konnten zum Schluss doch mehr als die Hälfte fahren. Bei der Berghütte La Joya angekommen, scheint die Sonne und wir haben einen fantastischen Blick auf den Iztaccíhuatl während der Popocatépetl weiter in den Wolken ist. Auch hier ist wenig los und es sind nur ein Guide, ein Koch und zwei Touristen hier. Als wir unser Zelt aufstellen, kommen wir mir Jerry ins Gespräch. Er ist Missionar aus den USA und hat kurz vor Puebla, am Fusse der zwei Vulkane vor 30 Jahren ein Waisenhaus gegründet. Er lädt uns ohne zu Zögern ein, das Waisenhaus zu besichtigen und in der Gästewohnung zu übernachten. Da können wir natürlich nicht nein sagen. Wir haben auch erfahren, dass der Park am Montag eigentlich geschlossen war und deshalb niemand da war. Für uns war das aber perfekt, denn wir konnten so einfach gratis unter der Schranke durch und ersparten uns allfällige Eintritte und Genehmigungen zum Campen. Am späteren Nachmittag ziehen immer mehr Wolken auf und sobald die Sonne verschwindet, wird es sehr kalt. Wir essen also früh unser Abendessen und verziehen uns ins Zelt.






Die Nacht war wohl die Kälteste bis jetzt auf der Reise und am Morgen ist das Zelt gefroren. Auch die Wasserflaschen, die wir draussen gelassen haben, sind zugefroren aber wir haben schon damit gerechnet und zwei Flaschen ins Zelt genommen. Während Tamara im warmen Schlafsack blieb, machte ich zum Aufwärmen einen Spaziergang und konnte so die schöne Morgenstimmung fotografisch festhalten. Zum ersten mal war nun auch der Popocatépetl, mit 5426 Metern der zweithöchste Berg Mexikos, sichtbar. Unser Zeltplatz ist leider ein Schattenloch und wir beschlossen, ohne Frühstück aufzubrechen und die Abfahrt in Angriff zu nehmen. Zurück auf dem Pass verpflegten wir uns kurz beim Visitor Center, das nun offen war, und nahmen dann den Rest der Abfahrt unter die Räder. Die Arbeiter waren gerade dabei, die Passstrasse in Richtung Puebla neu zu teeren und so hatten wir entweder eine sehr gute oder eine sehr schlechte Strasse. Unten angekommen, verpflegten wir uns in einem kleinen Dorfmarkt mit Tacos und erreichten schon bald das Waisenhaus. Wir wurden von Jerry sogar für die letzte staubige Schotterstrasse mit dem Pickup abgeholt und herzlich empfangen. Das Waisenhaus Esperanza Viva war viel grösser als wir uns das vorgestellt haben. Sie haben über 100 Kinder und Jugendliche mit einer Altersspanne von einigen Monaten bis zu 22 Jahren. Ausserdem haben sie etwa 70 Angestellte und betreiben neben dem Waisenhaus noch drei Kirchen in Puebla, eine Schule, eine Klinik und vieles mehr. Sehr eindrücklich, was Jerry und seine Frau in den letzten 30 Jahren da aufgebaut haben. Wir werden in einem sehr grossen und schönen Appartement untergebracht, wo vermutlich normalerweise Sponsoren, die auf Besuch sind, wohnen. Am Morgen haben wir noch auf knapp 4000 Meter das Zelt vom Eis befreit und nur ein paar Stunden später wärmen wir uns in der Badewanne auf. Vor dem Abendessen gibt es noch die wöchentliche Andacht, an der vorallem Tamara aufmerksam teilnimmt. Es hat einen stark evangelikalen und freikrichlichen Charakter und es wird enthusiastisch Worship-Musik gesungen. Für das Abendessen gehen wir in den grossen Speisesaal und essen zusammen mit den Waisenkinder. Ausser uns ist noch eine Gruppe Jugendliche aus Wisconsin da, die für eine Woche das Waisenhaus besuchen und Freiwilligenarbeit leisten. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob sie oder die Waisenkinder mehr beeindruckt von unserer Reise sind.








Jerry meint, wir dürfen so lange bleiben wie wir wollen. Er hat vor kurzem eine paar Radreisende auf Youtube verfolgt und sich vorgenommen die nächsten, die er trifft einzuladen. Wir sind also die glücklichen und bei diesem schönen Appartement und den vielen Aktivitäten, zu denen Jerry uns mitnimmt, beschliessen wir gleich vier Nächte zu bleiben. Am ersten Tag geht Jerry mit einem seiner Söhne, dessen Frau und zwei Freunden am Volcán la Malinche Rennvelofahren. Wir überlegen uns kurz, auch mit den Velos zu gehen, entscheiden uns dann aber für eine Wanderung um unsere Muskeln mal etwas anders zu belasten. So fahren wir etwa eineinhalb Stunden um Puebla herum zum Vulkan und Tamara und ich machen eine zweistündige Wanderung währen die anderen mit dem Rennvelo fahren. Da die Baumgrenze hier auf etwa 4000 Metern ist, kommen wir gar nicht darüber und laufen die ganze Zeit im schönen Wald. Zum Glück gibt es aber noch die Drohne und so können wir doch noch etwas Aussicht geniessen. Mit feinen Quesadillas gestärkt machen wir uns auf den Rückweg.




Tags darauf nimmt Jerry uns mit nach Cholula, einem Vorort von Puebla. Dieser ist bekannt für die Kirche, die auf einer alten Pyramide gebaut wurde. Cholula selbst gilt als Hochburg der christlichen Religion in Mexiko und dementsprechend hat es 38 Kirchen in der Stadt. Anschliessend haben wir Val‘Quirico, eine nachgebaute Innenstadt nach italienischem Vorbild besucht und uns mehrmals in den engen Gassen auf der Suche nach Kaffee und gutem Essen verlaufen. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag damit, Jerry‘s Geschichten von seiner Missionsarbeit und dem Waisenhaus zuzuhören und haben auch viel über die Probleme in Mexiko gelernt. Obwohl ihm auch von den Regierungen über die Zeit immer wieder Steine in den Weg gelegt worden sind, hat er es trotzdem geschafft, etwas nachhaltiges aufzubauen und schon vielen Kindern eine bessere Zukunft ermöglicht.






Am letzten Tag haben wir dann Puebla selbst angeschaut. Für die etwa 25 Kilometer ins Zentrum hat unser Uber fast einen Stunde gebraucht. Wir waren froh, nicht mit dem Velo unterwegs zu sein. Das Highlight war die Kathedrale vom Puebla aber auch die Fussgängerzone und Shoppingmeile in der Innenstadt konnten sich sehen lassen. Vom japanischen Abendessen waren wir dann etwas enttäuscht aber es war wohl zu erwarten, dass es ausserhalb von Mexico City schwierig wird mit internationalem Essen. Immerhin Kaffee können sie gut in Puebla. Am Abend gingen wir noch zu einem Gottesdienst von einer der Kirchen, die Jerry gegründet hat. Auch hier wurden wir wieder von der Grösse und Professionalität überrascht. Es waren mehrere hundert Leute anwesend und auf der Bühne spielte eine grosse Band mit verschiedenen Sängerinnen und Sängern qualitativ hochwertige Worship-Musik. Auf zwei grossen Leinwänden wurde das Ganze für die hinteren Reihen sehr professionell übertragen und die Stimmung im Saal war sehr enthusiastisch. Auch wenn ich das Ganze inhaltlich nicht ganz verstanden habe oder einordnen kann, hat der Enthusiasmus, die Leidenschaft und das Charisma der verschiednen Pastoren Eindruck hinterlassen.


Die vier Tage im Waisenhaus haben definitiv Eindruck hinterlassen und wir haben auch mit den Kindern und Jugendlichen immer wieder gute Gespräche führen können. Sie waren begeistert von unserer Reise und wir von ihrem Leben hier im Heim. Wer sich ein genaueres Bild vom Waisenhaus Esperanza Viva machen oder sogar ein Waisenkind unterstützen möchte, kann das hier tun: https://livinghope.org/ (Englisch) oder https://evmexico.org/ (Spanisch)
Grad wieder ä tolli Sunntigsmorge-Lektüre, das passt perfekt. Dangge und witerhin ä gueti Zyt 😘
P.S. mir wärde au äs Waisechind unterstütze 😍
Unglaublich was Letty da aufgebaut hat, beeindruckend. Weiter gute Reise. Liebe Grüsse Omimi Susi
Hey Simon, liebi Tamara, ha scho s einte oder andere Erläbnis vo euch derfe läse. E fantastischi Reis machet ihr. Wünsch euch wyterhin gueti Faart, gueti Pneu, blybet gsund und gniessets 😉 Cheers Beni
In Puebla war ich vor viiiielen Jahren mal geschäftlich. Jetzt habe ich endlich mal etwas von der Umgebung gesehen…😉
Wyterhin gueti Fahrt euch Beide 😊