Wir verbringen Tamaras Geburtstag mit einer gemütlichen Erkundungstour in Manizales. Die Stadt ist auf eine faszinierende Art in die bergige Landschaft hineingebaut und wir können sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Zuerst besuchen wir das Quartier Chipre von dessen Aussichtsturm wir eine schöne Sicht über die Stadt aber auch runter in ins Tal haben. Der Guide im immer noch aktiv genutzten Wasserturm hat viele spannende Infos und kann uns auch unsere Fragen zum geplanten Besuch des Los Nevados Nationalparks beantworten. Leider sind von Manizales aus nur geführte Touren in den Park möglich und als wir die Preise sehen, entscheiden wir uns schnell gegen eine solche Tour. In Chipre probieren wir auch den traditionellen Snack Obleas. Dieser besteht aus dünnen Waffeln mit Dulce de Leche (Arequipe), Vollrahm, Käse, Kokosraspel, Brombeerkonfitüre und Erdnüsse. Für meinen Geschmack ein etwas zu wildes Durcheinander. Für den Geburtstagskuchen fahren wir anschliessend mit der Gondelbahn in das moderne Viertel Cable und besuchen die Bäckerei „La Suiza“ wo wir mit guter Aussicht Kaffe und Kuchen geniessen. Die Gondeln sind wie in Medellín teil des Öffentlichen Verkehrs und bieten ausserdem eine super Aussicht über die Stadt.



Da wir am nächsten Tag den Ausflug in den Nationalpark auslassen, verbringen wir einen weiteren gemütlichen Tag in Manizales und besuchen ein Thermalbad in der Nähe. Es hat nicht viele Leute und wir können die drei Bäder mit verschieden Temperaturen ausgiebig geniessen. Was allerdings hier, wie auch bei anderen Thermalbädern in Lateinamerika fehlt, sind die Liegestühle zum ausruhen. So verbringen wir halt etwas mehr Zeit im Wasser und machen uns bald mit dem Bus wieder auf den Rückweg. Auch in Kolumbien sind die Bussfahrten sehr spektakulär und der Fahrer rast in hohem Tempo die kurvigen Strassen hoch und runter während dem er gleichzeitig Bargeld entgegennimmt und Wechselgeld herausgibt. Haltestellen gibt es keine und man kann überall entlang der Route ein- oder aussteigen.

Die Route aus Manizales beginnt mit einer spektakulären Abfahrt durch die Kaffeeanbauregion Eje Cafetero. Wir bestaunen die unglaublich steilen Hänge, an denen noch Kaffee angebaut wird. Zum ernten muss man sich hier bestimmt abseilen. In der Abfahrt kommen uns so viele Velos entgegen wie wir auf der ganzen Reise nicht gesehen haben. Die Region und das ganze Land sind sehr Radsportbegeistert und wir merken auch, dass die Autos und Lastwagen sich an die Radsportler gewöhnt haben. Wir passieren die Stadt Pereira ohne Halt und auf dem einfachsten Weg, nämlich auf der Hauptstrasse gerade durch die Mitte. Im anschliessenden Anstieg hält vor mir plötzlich ein Motorradfahrer und hält mir eine weisse Plastiktüte entgegen. Ich schaue in etwas ungläubig an und als Tamara hinter mir anhält, klärt sich die Situation schnell auf. Der nette Mann hat uns den Berg hochstrampeln sehen und möchte uns etwas zu essen schenken. Wir wechseln kurz ein paar Worte und nehmen das Geschenk begeistert an. Unglaublich diese Gastfreundschaft hier. Ein paar ansteigende Kilometer verlassen wir die Hauptstrasse und biegen auf eine kleine Nebenstrasse zu unserem Warmshower-Host Jaques ab. Wie wir es uns gewohnt sind, sind die Nebenstrasse sehr steil. Dieses Mal geht es nur runter und wir wissen schon, was uns am nächsten Morgen blühen wird. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, denn Jaques und seine Familie nehmen uns sehr herzlich auf und wir dürfen bei ihnen im Büro unsere Matten aufblasen. Zum Abendessen packen wir unser geschenktes Überrraschungspaket aus. Es gibt Poulet mit Reis und Salat sowie eine Suppe und frischen Mangosaft.


Ganz untypisch fahren wir am nächsten Tag erst am Mittag los, denn es sind nur etwas mehr als 20 Kilometer bis zu unserem nächsten Gastgeber Julian. Er ist ein Freund von Daniel, unserem Host aus Medellín und wohnt ganz in der Nähe des sehr touristischen Dorfes Salento und dem Tal Valle de Cocora. Am späteren Nachmittag kommt Julian von der Arbeit nach Hause und wir besuchen mit ihm und seinem Sohn Thomas das Dorf Circasia. Dort gehen wir einen typisch kolumbianischen Kaffee trinken und in einer etwas hektischen und spontanen Aktion wird an diesem Abend eine dreitägige Wanderung in den Los Nevados Nationalpark für uns geplant. Das entspricht eher unseren Vorstellungen als die teure touristische Tour von Manizales mit dem Jeep und wir haben bei Julian die perfekte Gelegenheit unsere Velos abzustellen und einen Rucksack und Wanderstock auzuleihen.



Da wir der Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrmittel doch nicht ganz trauen, fahren wir mit einem Taxi ins Valle de Corcora, wo unsere Wanderung starten wird. In Salento halten wir kurz um zwei Paar Gummistiefel zu mieten und gegen unsere normalen Schuhe einzutauschen. Noch sind wir etwas skeptisch, drei Tage in Gummistiefeln zu wandern aber wir folgen dem Rat der Einheimischen. Ein paar hundert Meter hinter dem Eingang zum Wanderweg warten wir auf unsere Gruppe und tun so, als würden wir nur die kleine Rundwanderung im Valle de Cocora machen um die dünnen hohen Palmen zu bestaunen. Mir unseren kleinen Rucksäcken kauft man uns das auch ab. Die Palmen sind für die meisten Touristen hier schon das Highlight aber wir wollen noch etwas höher hinaus. Mit kolumbianischer Verspätung trifft unser Guide Julian (nicht der gleiche Julian, der uns beherbergt) mit seinen Gästen Henry und David, zwei Cousins aus Bogotá und den USA, ein. Seit ein paar Jahren, darf man nur noch mit einem offiziellen Guide in den Nationalpark und wir können uns spotan halboffiziell der Gruppe von Julian anschliessen. Zuerst geht die Wanderung durch ein enges Tal mit vielen dubiosen Hängebrücken über einen Bach. Aus dem Tal hinaus steigt der Wanderweg steil hoch und wir machen bald Mittagspause bei einer verlassenen Finca. Von hier geht es noch mehr hoch, bis wir auf etwa 3500 Meter über Meer den Nebelwald verlassen und den Páramo de Romerales erreichen. Der Páramo ist eine Vegetationsform, die nur im Hochland von Venezuela, Kolumbien und Ecuador vorkommt. Er ist besonders wichtig für die Wasserversorgung, denn die Vegetation des Páramos kann sehr viel Wasser aufnehmen und gibt dieses während den Trockenperioden langsam an die tiefergelegenen Gebiete ab. Besonders für den Páramo sind die Frailejones, eine Pflanze mit weichen, filzigen Blätter, die das Wasser direkt aus den Wolken aufnehmen können. Normalerweise ist der Páramo sehr regnerisch aber wir haben Glück und es ist trocken und sogar manchmal sonnig. Trotzdem sind wir spätestens ab jetzt froh um die Gummistiefel, denn der Weg ist sehr sumpfig und unsere normalen, leichten Trekkingschuhe wären schon lange durchnässt. Am späten Nachmittag erreichen wir müde und erschöpft die Finca La Primavera und werden von der Gastgeberin Adriana mit einem heissen Agua de Panela, einem Getränk mit in Wasser aufgelöstem Rohrzucker, begrüsst. Die Finca erinnert uns an eine einfache Berghütte aus der Schweiz und die Stimmung ist sehr familiär. Es gibt viele Schlafsäle mit vielen Betten und Adriana kocht uns und den anderen Gästen ein sehr feines Abendessen.







Die Gruppe von Julian plant am nächsten Tag zu einem Zeltplatz unterhalb des Nevado del Tolima aufzusteigen um dort im Zelt zu Übernachten und am nächsten Morgen früh über den Gletscher den Gipfel zu erklimmen. Da wir einen Tag weniger geplant haben und auch keine Ausrüstung fürs Camping, den Gletscher und den Gipfel dabei haben, wandern wir nur etwa zwei Stunden mit ihnen bis fast zum Ende des Páramo und kehren auf gleichem Weg wieder zur Finca zurück. So haben wir nochmals viel Zeit, gemütlich den Parámo zu geniessen und können uns sogar ein wenig vom sehr strengen Aufstieg des Vortages erholen. Zurück bei der Finca ist nichts mehr von der Ruhe des Vortrags übrig. Hier ist der 1. Mai ebenfalls ein Feiertag und zieht viele für ein verlängertes Wochenende in die Berge. Das Wetter ist immer noch stabil und wir können uns etwas ins Gras setzten und dem Treiben auf der Finca zuschauen. Es werden hier Kühe und Hühner für Milch, selbstgemachten Käse und Eier gehalten. Alles weitere Essen uns sonstige Materialien werden mit Maultieren hochgebracht. Die Finca ist nun praktisch voll belegt und es werden sogar Zelte draussen aufgestellt. Adriana und ihre Tochter, die zur Unterstützung gekommen ist, haben alle Hände voll zu tun und um uns einen Platz in der warmen Küche zu ergattern, hilft Tamara beim Abwaschen und ich schäle mit ein paar anderen Gästen Unmengen an Kartoffeln. Wir sind fasziniert, wie Adriana die Küche im Griff hat und nun für fast 50 Gäste auf einem Holzofen und zwei Gasplatten ein feines, frisches Abendessen kocht. Es herrscht eine heitere Stimmung in der Küche, denn Adrianas Umgang mit den Gästen die Extrawünsche haben ist super. Sie erfüllt die Wünsche mit einem Lächeln, gefolgt von einem guten Spruch, wie verwöhnt die Leute doch sind. Gegen Abend beginnt es kräftig zu regnen und wir sind froh, eine Nacht im trockenen Bett und nicht draussen im Zelt zu verbringen.






Der nächste Morgen ist trocken und neblig. Beim Frühstück verteilen sich die Gäste zeitlich etwas besser, denn viele sind schon in der Nacht los, um den Gipfel zu besteigen. Es kehren auch schon Gruppen zurück, die den Aufstieg wegen dem schlechten Wetter abbrechen musste. Wir sind zufrieden mit unserer Entscheidung den Gipfel gar nicht geplant zu haben. Unser Ziel war es, den Páramo zu besuchen und das haben wir genossen. Über Funk erfahren wir, dass Julian, Henry und David es geschafft haben und den Gipfel trotz des schlechten Wetters erreicht haben. Wir essen nochmals ein gutes Frühstück und werden gefragt, ob wir einen einzelnen Wanderer einer Gruppe, die den Gipfelversuch abbrechen mussten, mit ins Tal nehmen. Lustig, denn wir sind ja selbst auch keine Bergführer aber scheinbar kennen wir den Weg schon gut genug und sehen sehr vertrauenserweckend aus. Also machen wir uns zu dritt mit Diego auf durch den nebligen Páramo ins Tal. Wegen des vielen Regens in der Nacht ist nun alles noch rutschiger und matschiger und der Weg ist sehr herausfordernd. Anfangs bleibt es trocken doch ab der Hälfte des Weges setzen immer wieder Regenschauer ein. Unsere Gummistiefel und die Regenausrüstung werden nochmals richtig gefordert, bestehen aber den Test. Erschöpft kommen wir wieder im Valle de Cocora an und fahren gleich mit einem Jeep nach Salento. Das Fazit zu den Gummistiefel ist positiv. Trotz etwa 17 Stunden Wandern mit über 2500 Höhenmeter Auf- und Abstieg geht es unseren Füssen erstaunlich gut. Trotzdem freuen wir uns wieder auf unsere normalen Schuhe. In Salento gönnen wir uns eine wohlverdienten Kaffee und Waffel und treffen Julian (unser Host) und Daniel, der von Medellín fürs Wochenende auf Besuch gekommen ist. In Salento ist auch richtig viel los. Wegen des verlängerten Wochenendes sind auch viele Einheimische angereist und füllen die Strassen, Kaffees und Restaurants.



Nach den Strapazen der letzten drei Tagen fällt die Entscheidung leicht, noch einen Ruhetag bei Julian einzulegen. Mit telefonieren, waschen und Blog schreiben ist der Tag auch gut gefüllt und wir schaffen es endlich die Steuererklärung fertig auszufüllen. Gar nicht so einfach auf Reisen aber wenn man so lange unterwegs ist, muss das halt auch sein.
Unglaublich diese Natur! Gute Weiterfahrt und liebe Grüsse Omimi Susi