Bevor wir uns wieder sportlich betätigen, verbringen wir zwei gemütliche Tage in La Paz. Um einen Überblick zu erhalten und etwas über die Kultur und Geschichte zu lernen, besuchen wir eine Free Walking Tour und erkunden mit unserem Guide Leo für drei Stunden die Stadt. Ein praktisches Fortbewegungsmittel und eine coole Touristenattraktion sind die vielen Seilbahnlinien, die seit 2012 die Quartiere von La Paz und El Alto verbinden. Als Vorbild dafür, diente die kolumbianische Stadt Medellin, wo wir vor fünf Monaten auch mit den Seilbahnen gefahren sind. Von den Seilbahnen hat man einen tollen Blick über die Stadt und steckt auch nicht im Verkehrschaos fest. La Paz ist mit 3600 m.ü.M. die höchstgelegene Verwaltungshauptstadt der Welt. Sie hat diesen Status in einem Krieg gegen die vorherige Hauptstadt Sucre gewonnen, welche nun nur noch die konstitutionelle Hauptstadt ist.




Die restliche Zeit verbringen wir hauptsächlich mit Essen. Während uns Bolivien bisher kulinarisch noch nicht überzeugt hat, können wir in La Paz zu unglaublich günstigen Preisen internationale Küche geniessen und nutzen dies voll aus. Zu unserem Leidwesen ist der Wechselkurs des Bolivianos zwar in den letzten fünf Tagen um über 20% gestiegen, aber Bolivien ist immer noch das günstigste Land unserer Reise.

Nach zwei Tagen Pause und Essen geht es gemütlich um 9 Uhr morgens auf unser nächstes Abenteuer los zum Berg Huayna Potosí. Zusammen mit sechs Touristen aus England, Deutschland, Frankreich und der Schweiz fassen wir zuerst das Material für die bevorstehende Bergtour. Wir werden von Kopf bis Fuss eingekleidet und ausgerüstet. Wir bekommen Bergschuhe, Steigeisen, Fleece-Hosen, Schneehosen, Fleece-Jacken, Schneejacken, Halstücher, Helme, Handschuhe und Eispickel. Um das alles zu verstauen, mieten wir auch gleich noch zwei grössere Rucksäcke. Weiter gehts im Minivan über eine holprige Piste zum Basecamp auf 4700 m.ü.M. Hier gibt es Mittagessen und wir verabschieden uns schon von unseren Mitreisenden. Weil wir schon so gut an die Höhe akklimatisiert und trainiert sind, können wir die Tour in zwei Tagen machen. Währen die anderen am Nachmittag zum Eisklettern gehen und noch einen Nacht im Basecamp verbringen, wandern wir in etwas zwei Stunden mit unserem Bergführer Alex ins High Camp auf 5300 m.ü.M. Dort treffen wir sechs neue Mitstreiter und Mitstreiterinnen, die am Tag zuvor das Eisklettern gemacht haben. Natürlich hat es wieder ein Paar aus der Schweiz dabei. Wir zweifeln kurz, ob es ein Fehler war, das Eisklettern auszulassen aber ich kann Tamara ja die wichtigsten Basics über Steigeisen und Eispickel unterwegs beibringen. Um 5 Uhr gibt es Abendessen und um 6 Uhr versuchen wir zu schlafen.




Der Wecker klingelt um 0:30 Uhr. Wir haben nicht viel geschlafen aber es geht uns gut und wir haben keine Beschwerden von der Höhe. Wir ziehen all unsere Kleider an, essen ein Stück Brot und trinken einen Coca-Tee. Um 1:30 Uhr laufen vier Seilschaften mit je zwei Touristen und einem Bergführer los. Wir zwei sind nicht lange alleine mit Alex, denn eine Frau aus der Gruppe muss schon nach wenigen hundert Meter wegen der Höhenkrankheit umdrehen und kehrt mit ihrem Guide zum High Camp zurück, während wir ihren Kletterpartner zu uns in die Seilschaft nehmen. Wir kommen zügig voran und überholen immer wieder andere Seilschaften. Immer wieder sehen wir die Lichter von El Alto und auch der Mond erhellt den Gletscher. Etwa in der Hälfte des Aufstieges kommt die Schlüsselstelle mit einer kurzen Eisbrücke gefolgt von einem steileren Stück Eis. Wir schaffen das aber ohne Probleme und laufen weiter langsam dem Gipfel entgegen. Als es auf die 6000 Meter Grenze zugeht, kommen auch wir an unsere Grenzen und werden langsamer. Wir müssen fest atmen, aber haben sonst keine Beschwerden von der Höhe. Als es langsam zu dämmern beginnt, nehmen wir die letzten steilen 200 Meter mit ein paar felsigen Passagen in Angriff und um etwa 6 Uhr stehen wir auf dem Gipfel des Huayna Potosí auf 6088 m.ü.M. Vor drei Jahren auf dem Kilimanjaro hätten wir nicht gedacht, dass wir dessen Höhe so bald übertreffen werden. Der Ausblick ist in alle Richtungen atemberaubend. Wir sehen den Titicaca-See, El Alto und La Paz, sowie das Altiplano und die ganze Cordillera Real. Vom Amazonas her hat es ein paar Wolken und so erreicht uns die Sonne noch nicht ganz. Wir schiessen fleissig Fotos und trinken einen Gipfeltee. Wir merken, dass noch jemand aus der Gruppe umdrehen musste also sind wir nur noch zu sechst auf dem Gipfel. Es ist zwar nicht besonders windig, aber kalt ist es trotzdem und wir machen uns schnell wieder auf den Abstieg. Nach einigen Metern und mitten in der steilen Passage kommt die Sonne raus und wir bestaunen kurz den Sonnenaufgang. Runter geht es deutlich schneller und wir kommen nur an der Schlüsselstelle kurz ins stocken. Diese ist nämlich runter deutlich schwieriger als hoch, aber auch das schaffen wir mit Unterstützung unseres Guides Alex. Um 8 Uhr sind wir schon wieder zurück im High Camp. Tamara bemerkt beim Ausziehen der Bergschuhe zwei riesige Blasen an den Zehen. Es wird noch ein schmerzhafter Weg zurück ins Base Camp. Wir essen kurz eine Suppe und packen unserer Rucksäcke um. Zu viel Pause tut den Muskeln nicht gut und so machen wir uns gleich auf den Weg zurück ins Base Camp. Der Weg dorthin ist schwieriger als vom Gipfel runter. Die Beine sind müde und es hat viele Schneefelder und loses Geröll. Dazu kommen Tamaras Blasen. Wir kommen nur langsam voran, aber nach zwei Stunden ist auch das geschafft und wir geben im Base Camp unser Material zurück, bevor es mit dem Minivan wieder nach La Paz geht. Die zwei Kilometer vom Büro des Tourenveranstalter ins AirBnB wollen wir auf keinen Fall laufen. Also suchen wir uns im Gewusel des Strassenverkehrs einen Collectivo (Sammeltaxi) und lassen uns in unser Quartier bringen. Wir gehen auf direktem Weg zum Italiener und verdrücken eine grosse Portion Lasagne bevor wir todmüde ins Bett fallen.










Wir haben noch drei Tage in La Paz und müssen unser Program zuerst mal dem Muskelkater und Tamaras offenen Zehen anpassen. Sie kann in den Schuhen kaum noch laufen und so gehen wir am ersten Tag nur ein paar Blocks zum Frühstück in ein Kaffee und zum Abendessen in ein gehobenes, traditionelles, bolivianisches Restaurant. Zu jedem Gang bekommen wir vom Kellner eine Erklärung und es schmeckt wirklich ausgezeichnet. Am Schluss bezahlen wir für drei Gänge und Cocktails 21 Schweizer Franken (Der Boliviano hat eine Kurskorrektur gemacht während wir weg waren) und reservieren für den nächsten Tag gleich nochmals einen Tisch zum Mittagessen.

Als weitere Aktivität, die nicht viel laufen beinhaltet, besuchen wir am nächsten Abend eine Cholitas Wrestling Show. Cholitas sind starke, traditionell-gekleidete Frauen, die sich im typischen Wrestling-Style einen Show-Kampf liefern. Es war ein sehr lustiger Anlass aber auch sehr touristisch. Wir haben bei einem Hostel einen fertige Tour mit Transport gebucht und entsprechen war die Show nur für Touristen. Es fehlte also etwas an Stimmung und die Kommunikation zwischen den Cholitas, dem DJ und dem Publikum war schwierig. Es hätte sicher noch authentischere Shows mit einheimischem Publikum gegeben, aber wir hatten nicht die Energie um uns darum zu bemühen.



Am letzten Tag in La Paz gab es wie immer Vorbereitungen für die Weiterfahrt zu treffen. Nachdem wir seit Alaska ein Netzteil mit amerikanischem Stecker nutzen konnten, kauften wir uns für den Rest der Reise zwei Netzteile mit dem bekannten europäischen Steckern. In der letzten grossen Apotheke für unbekannte Zeit mussten wir Asthma-Medikamente für Tamara aufstocken. Das war sogar hier nicht so einfach und wir haben jetzt zwei Inhalierer mit separaten Wirkstoffen statt einem mit den Wirkstoffen kombiniert. Nebenbei haben wir auch noch den ganzen Vorrat an Antialergikum leergekauft damit es für den nächsten Monat reicht. Wir wurden dabei etwas komisch angeschaut, weil die traurige Realität ist, dass die Menschen hier sich all diese Arzneimittel gar nicht leisten können. In der Touristen-Hauptstrasse kauft Tamara Socken mit dem Bolivien-Wappen für ihre Sammlung und nach langem suchen, finden wir zwei Sticker mit dem Huayna Potosí für unsere Velos. Abgerundet wir der Tag mit einem sehr authentischen indischen Essen.

Natürlich fahren wir die 400 Höhenmeter nach El Alto nicht hoch, wenn es eine Seilbahn gibt. Im chaotischen Stadtverkehr fahren wir zur Seilbahnstation und ich gehe an den Ticketschalter. Je ein Ticket pro Person und je zwei pro Velo kaufe ich und bezahle insgesamt 18 Bolivianos (1.25 CHF) für die sechs Ticket. In der Schweiz hätte uns das finanziell ruiniert. Das ein- und aussteigen ist gar nicht so einfach mit dem voll beladenen Velo aber die Fahrt ist wunderbar und in El Alto angekommen geht es flach und gerade durch das Chaos der Collectivos aus der Stadt hinaus. Wir haben für die 215 Kilometer nach Oruro konservativ mit drei Tagen gerechnet. Mann weiss nie, was der Wind macht. Am Morgen kommen wir sehr zügig voran. Es hat wenig Wind und die Strasse ist schön. Wir fahren auf einer Autobahn mit sehr grosszügigem Pannenstreifen. Man muss sich das etwas anders als eine Autobahn in Europa vorstellen. Es hat relativ wenig Verkehr und gefahren wir auch meisten nur 60-80 km/h, denn obwohl die Beschaffenheit der Strasse gut ist, hat es immer wieder grosse Schlaglöcher und sonstige Hindernisse. Ab uns zu kommt uns auf dem Pannensteifen ein Auto entgegen. Entweder um eine Mautstelle zu umgehen oder weil es nur auf der einen Seite eine passende Ausfahrt oder Einfahrt hat. Nachmittags wird der Wind stärker und kommt von der Seite. So kommen wir nicht mehr so schnell voran und beschliessen schon bald, die Etappe in einem kleinen Dorf zu beenden. Zuerst fragen wir im einzigen Hotel nach einem Zimmer. Niemand da und die Frau im Laden meint, es seien Zimmer frei aber sie hat keinen Schlüssel und der Besitzer kommt „irgendwann am Abend“ zurück. So lange wollen wir nicht warten und so gehen wir zur zweiten Option, der Kirche. Der Pfarrer ist gerade an einer Taufe aber als er damit fertig ist, sagt er uns, wir können im Unterstand vor der Kirche unser Zelt aufstellen. Wir sprechen noch eine lange Zeit mit ihm. Er spricht uns fasziniert auf die Arbeitslosenversicherung der Schweiz an. Sowas gibt es hier nicht. Im Gegenzug erzählt er uns von diesem Dorf, das langsam am Aussterben ist, weil es die jungen Leute nach La Paz zieht. Das Dorf scheint tatsächlich ruhig aber der schein trügt, denn es ist Samstag und wir werden von einer Hochzeitsparty ein paar hundert Meter entfernt bis um 2 Uhr morgens beschallt.




Etwas müde schwingen wir uns am nächsten Morgen aufs Velo. Die Landschaft ist nicht mehr spektakulär aber immer noch schön, auch wenn leider etwas viel Abfall und tote Tiere am Strassenrand liegen. Wir kommen wieder gut vorwärts und als der Wind stärker wird sind wir schon fast am Ziel. Es gibt verschiede Optionen für ein günstiges Hotelzimmer aber alle haben eher schlechte Bewertungen von anderen Reisenden. Wir würden eigentlich am liebsten etwas mehr bezahlen und dafür ein bequemes Bett und ein sauberes Badezimmer mit Dusche haben, aber diese Option gibt es hier gar nicht. Auch zum Wildcampen ist die Gegend nicht optimal, denn es gibt kaum Sicht- und Windschutz. Also landen wir wieder in einem günstigen Hotelzimmer und brechen unseren bisherigen Rekord mit 4 Franken für ein Doppelzimmer deutlich. Eigentlich haben wir keine Lust zum kochen aber alle „Restaurants“ haben nur Poulet und Pommes, die vermutlich schon den ganzen Tag unter der Wärmelampe liegen. Immerhin finde ich Teigwaren und etwas Gemüse und so gibt es eine grosse Portion one-pot-pasta. Wir vermissen die Restaurants von La Paz jetzt schon, aber das war so zu erwarten im ländlichen Bolivien.

Die verbleibenden 80 Kilometer nach Oruro absolvieren wir schon vor dem Mittag. Mit gutem Rückenwind und flacher Strasse kommen wir schnell voran. Gefühlt hat es noch weniger Verkehr und wir können gemütlich nebeneinander auf dem Pannenstreifen fahren. Auch die Einfahrt nach Oruro ist einfach und wir finden sogar für kurze Zeit einen Veloweg. Von Oruro aus möchten wir mit dem Bus nach Cochabamba um Sara, eine weitere Austauschschülerin der Familie Hari, zu besuchen. Praktischerweise, leben Sara‘s Grosseltern in Oruro und wir können die Velos und den grössten Teil unseres Gepäcks dort deponieren. Weil Sara‘s Vater auch gerade auf Besuch ist, hat es keinen Platz für uns zum übernachten und wir gehen mit leichtem Gepäck und ohne Velos in ein Hotel im Zentrum. Wir nutzen die Gelegenheit der grossen Stadt und gönnen uns ein 3-Stern Hotel mit einer Heizung. Wir können uns nicht erinnern, wann wir zuletzt in einem geheizten Hotelzimmer waren. Auch das Bett ist richtig gemütlich. Wir können uns gut entspannen und freuen uns sehr darauf, Sara in Cochabamba zu besuchen.


Ihr erklimmt nicht nur eine fantastische ü6000 Bergspitze, auch in vielen anderen Bereichen erreicht ihr in diesem Blog Rekorde!! Toll!!
Gratulation Ihr Gipfelstürmer!!!! Und gute und schnelle Besserung für Tamaras Zehen. Liebe Grüsse Omimi, Susi