Jetzt wo uns ein bisschen Verspätung ganz gelegen kommen würde, kommt der Nachtbus sogar noch etwas zu früh in Cajamarca an. Als wir alles ausgeladen haben, ist es erst 5 Uhr morgens, stockdunkel draussen und kalt. Wir testen gleich unsere neuen Daunenjacken und warten auf den Bänken im Busterminal bis die Sonne aufgeht. Alle Shops und Restaurants haben noch geschlossen. Um 6:30 Uhr geht die Sonne auf und wir rollen aus der Stadt hinaus und suchen ein kleines Frühstück. In einem Restaurant finden wir einen Kaffe und Brötchen mit leckerem Käse und Konfitüre. Neben uns essen die Arbeiter ein „richtiges“ peruanisches Frühstück mit Chicharron, Reis, Teigwaren oder Lomo Saltado. Wir haben einen kurzen Tag geplant und kommen schon früh in San Marcos an, wo wir in ein kleines Hotel gehen, das von einer alten, herzigen Dame geführt wird. Dort erholen wir uns von der nicht so erholsamen Nacht im Bus.




Die nächsten Tage geht es weiter Richtung Süden auf der Carretera Longituninal de la Sierra Norte, auch PE-3N genannt. Diese Bundesstrasse ist die Nord-Süd Hauptverkehrsachse in den Anden von Peru, aber die Strassenverhältnisse könnten unterschiedlicher nicht sein. Die ersten zwei Tage von Cajamarca ist es eine schön geteerte Überlandstrasse. Am dritten Tag eine Mischung aus Asphalt-Fragmenten, Schlaglöchern und Schotter und ab dem vierten Tag fahren wir fast nur noch auf Feldwegen, wie wir es nur von den hintersten Tälern in den Alpen kennen. Da spielt es auch keine Rolle mehr auf welcher Strasse wir fahren und so nehmen wir ab und zu einen Abkürzung auf Nebenstrassen von gleicher Qualität und sparen so einige Kilometer und Höhenmeter. Der Vorteil an diesen Strasse ist, dass der motorisierte Verkehr auch nur sehr langsam fahren kann und entsprechend gut Rücksicht nimmt. Im Allgemeinen hat es sehr wenig Verkehr, was auch für eine hohen Selbstversorgungsgrad der Dörfer hier spricht, denn es ist wirklich sehr mühsam auf diesen Strassen Ware anzuliefern. Eine erstaunliche Beobachtung für mich ist der Unterschied der Strassenqualität im Bezug auf die Zuständigkeiten für die Strassen: In Mexiko und Zentralamerika haben ich oft beobachtet, dass die Bundestrassen von sehr guter Qualität sind und sobald man in ein Dorf kommt, die Qualität der Strassen stark abnimmt. Hier im Norden von Peru sind scheinbar die finanziellen Mittel genau umgekehrt verteilt und die Strassen in den Dörfern sind oft geteert oder betoniert, während die Bundestrassen stark vernachlässigt werden. Wir haben gehört, dass es auf nationaler Ebene grosse finanzielle unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden gibt. Mal schauen ob wir das noch beobachten werden.







Ansonsten verlaufen die nächsten Tage sehr ähnlich, wir fahren viel hoch und runter, geniessen die spektakuläre Landschaft und übernachten in günstigen Hospedajes in den Dörfern. An einem dieser Tage treffen wir per Zufall auf Tim und Marie aus den Niederlanden. Sie sind ebenfalls als Radreisende für 15 Monate in Südamerika unterwegs und fahren auch in den Süden. Wir freuen uns sehr, denn wir haben schon lange keine anderen Radreisenden getroffen und fahren gleich mit ihnen zusammen ein Stück und essen gemeinsam ein Almuerzo (Mittagsmenu mit Suppe, Hauptgang und Getränk). Zufälligerweise haben wir auch die gleichen Pläne für die Nacht und steuern alle vier das Casa de Ciclista der Familie Ramírez in Huamachuco an. Hier werden wir sehr herzlich empfangen und können auf schönem Rasen im Innenhof zelten.







Als wir weiter in den Süden kommen, verändert sich die Landschaft und der Charakter der Route, denn wir müssen tief in den Tablachaca Canyon herunter. Die Abfahrt ist sehr spektakulär mit unzähligen Serpentinen, die in den sehr instabilen Hang gebaut wurden. Hier sind einige Abschnitte wieder geteert, ausser wenn eine Spitzkehre zu kompliziert dafür ist, oder wenn irgendwo der Hang abgerutscht ist und den Asphalt wieder zerstört oder begraben hat. Eigentlich gäbe es einen Weg, im Canyon unten dem Fluss zu folgen, aber diese Strasse wurde vor kurzem von einem Erdrutsch zerstört. Der Umweg bedeutet für uns wieder über 1000 Höhenmeter die Serpentinen auf der anderen Seite des Canyon hochzufahren. Trotz des wenigen Verkehrs versuchen wir unser Glück mit Autostopp und werden nach einer halben Stunde vom zweiten vorbeifahrenden Pick-up mitgenommen. Wir kommen mit Alex und Danil sehr gut ins Gespräch und erzählen viel von unserer Reise. Im hübschen Bergdorf Pallasca gönnen wir uns einen Ruhetag in einem kleinen familienbetriebenen Hotel. Interessant ist hier für uns, dass die Bedürfnisse der Familie klar den Bedürfnissen der Gäste übergestellt sind und so warten wir sowohl beim Check-in als auch beim Check-out, bis die Kinder versorgt und zur Schule gebracht sind. In Pallasca merken wir auch, das unser Bargeld langsam knapp wird. Im Gegensatz zu Piura und Lima, wo man alles mit der Karte zahlen konnte, geht es hier nur noch mit Bargeld oder YAPE, der peruanischen Version von Twint, die aber von Ausländern nicht genutzt werden kann. Zudem sind wir schon seit etwa vier Tagen an keinem Bankomat mehr vorbeigekommen und das wird auch die nächsten vier Tage so bleiben. In Pallasca gibt es aber eine Filiale der Nationalbank, an der wir zwar kein Bargeld beziehen, aber immerhin unsere Notfall-US-Dollar in peruanische Soles wechseln können. An unserem Ruhetag treffen wir auch Tim und Marie, sowie David und Regula wieder. David und Regula sind vor etwa vier Jahren in der Schweiz losgefahren und haben schon über 100‘000km auf dem Velo zurückgelegt. Nachdem wir sie in Mexiko das letzte Mal getroffen haben, gibt es wieder viel zu erzählen.



Von Pallasca geht es wieder steil runter in den Tablachaca Canyon bevor wir mit einem gemütlicheren Gefälle dem Fluss im Canyon folgen können. Stückweise kommt auch die Teerstrasse zurück. Wir kommen trotz Gegenwind gut voran und geniessen die spektakulären Felswände. Unglaublich, wo hier überall Strassen hoch gebaut werden und auch nicht weiter verwunderlich, wenn ab und zu eine solche Strasse den Hang runter rutscht. So fahren wir an diesem Tag etwa 2‘500 Höhenmeter abwärts und landen für die Nacht an der Gabelung zum Cañon del Pato auf 500 m.ü.M.







Diesen faszinierenden Canyon mit seiner schmalen Strassen und vielen Tunnels geht es nun in zwei strengen und heissen Tagen wieder hoch bis zur Stadt Caraz. Zum Glück hat es auch hier sehr wenig Verkehr, sodass wir nur selten Ausweichen müssen. Wir starten jeweils früh am Morgen um der Hitze auszuweichen. Trotzdem kam Tamara an einem Nachmittag kurz an ihre Grenzen und wir mussten eine Pause am Schatten machen und Elektrolyten nachfüllen.






Auch wenn es zum Schluss noch hart wurde, schaffen wir es gerade zum WM-Final nach Caraz und setzen uns mit Bier und Grillgut ins Public Viewing vom Hostel. Der Host Juan Carlo hat sein Hostel erst vor ein paar Wochen erweitert und hat jetzt ein zusätzliches Grundstück, wo er vor allem Rad- und Motorradreisende aufnimmt. Tim und Marie sind auch wieder da und später gesellt sich auch noch Jeremy aus Neuseeland dazu. Er ist mit seinem Mountainbike in die andere Richtung unterwegs und wir können uns gut austauschen. Auch Juan Carlo hat spannende Gesprächsthemen bereit und befragt jeweils alle seine Gäste zum Thema Nationalstolz. Sind wir stolz Schweizer zu sein? Weil wir einen Tag zu früh für unseren nächsten Besuch aus der Schweiz sind, können wir eine gemütlichen Tag in Caraz verbringen und geniessen die Gesellschaft von Jeremy beim Frühstück, diversen Einkäufen und beim Mittagessen. Solche Pausentage sind jeweils wichtig um wieder kräftig Kalorien und Kohlenhydrate für die nächsten Abenteuer aufzufüllen. Wir besuchen noch kurz den Busbahnhof, denn wir haben gehört, die 70km nach Huaraz seien stark befahren und nicht sonderlich schön. Es gibt für diese Strecke nur kleine Vans, aber trotzdem bewerben sich jetzt schon alle Fahrer, uns und unsere Velos mitzunehmen zu dürfen. Da können wir‘s morgen gemütlich nehmen und ohne Fahrplan einfach aufkreuzen. Am Abend gibt es noch ein spezielles Programm. Eine Gruppe von Köchen und Tourismusbeauftragten aus der Küstenstadt Chimbote kommen ins Hostel und präsentieren die kulinarischen Spezialitäten ihrer Stadt mit einer live Kochshow. Da alle Gerichte mit Fisch waren, wurde ich köstlich verwöhnt, während Tamara anschliessend noch Brötchen mit Schokolade essen musste. Besonders gelacht haben wir am Schluss der Veranstaltung ab dem Kommentar eines Einheimischen. Er meinte, wir sollen doch lieber nicht nach Chimbote gehen, es sei schon gefährlich dort.


Wunderschöne Bilder und interessanter Bericht. Danke! Omimi Susi
Diese Strassen – wie wäre es mit Brücken bauen? Weiterhin gute Fahrt & gute Oberschenkel für dieses riesige, bergige Land!